ein alter Text von 2002:
Copyright Kills Musik
von Erp Trafassel
Alle paar Monate tauchen aus dem Rauschen der weltweit kursierenden Nachrichten diese Meinungen auf. Gemeint wird, dass die Zeit der Umsonst-Kultur vorbei ist und dass der natürlichen Vermehrung von Bits und Bytes Einhalt zu bieten ist. Als Begründung werden Umsatzverluste der eng mit der meinungbildenden Instanzen verbundenen Industrie angegeben - also der Musik- Film- und Verwertungsindustrie. Diese Aussagen entsprechen nur zum Teil der Auffassung des Autors. Meine private Meinung ist aber nicht repräsentativ, da mir bedauerlicherweise keine politisch korrekte Einstellung zum Kopierschutz anerzogen wurde. Ich kann nämlich nicht mit den in populären Musikmagazienen beschriebenen Jugenderinnerungen dienen. Augenblicke, wo ich zu Hause liebevoll die Schallplatte meiner Lieblingsband ausgewickelt und dann konsumiert habe gehören eher zum postpupertären Lebensabschnitt, denn wie auch die Boitels habe ich ein Großteil meiner Jugend in der DDR verbracht. Dieser Staat unterstützte zum Beispiel mit "Duett Musik für den Recorder" und dem örtlichen C64-Klub die private Vermehrung urheberrechtlich geschützter Information. Über den Inhalt meiner zu DDR-Zeiten in furchtbarer Qualität von Kumpels kopierten, oder im Radio aufgenommenen Musik möchte ich lieber Schweigen bewahren, da die peinlichsten Peinlichkeiten nicht in die Weltöffentlichkeit gehören. Fragt man mich aber bei einem Besuch bei mir zu Hause danach, hole ich gerne zuert die Erlaubnis meiner Frauen und dann eine Kiste alter Kassetten aus dem Keller.Biologie
Eine der modernen Theorien nennt die Bithaufen Meme und behauptet, dass ihr Überlebenswillen eine der Triebfedern evolutionärer Entwicklung ist. Da ein einzelnes Speichermedium nach etwa 20 Jahren vom Materialverschleiß bedroht ist, muss sich also ein erfolgreiches Mem möglichst oft fortpflanzen. Als besonders erfolgreiche Meme gelten z.B. Schwanensee von Tschaikowsky, die drei Musketiere von Dumas, die Bilder von Van Gogh und das Christentum.Die ungeschlechtliche Vermehrung geschieht z.B. mittels copy. Der Befehl cp (bzw. copy) schaufelt einen Bithaufen auf einen Datenträger freier Wahl. Im Gegensatz zur Alltagswelt, wird dabei das Original nicht zerstört. Das ist ärgerlich für jede, die mit dem Verkauf von Bithaufen ihren Lebensunterhalt verdienen. Ein Gegenpart zur Evolution existiert auch. Hier werden verschiedene Meme gefleddert, Teile herausgenommen und neu zusammengesetzt, wie es z.B. beim Einsatz von Musiksamples getan wird. Das es dabei auch zu einer Weiterentwicklung kommt sieht man z.B. an der Wissenschaft oder bei Open Source Softwareprodukten.
Dem aufmerksamen Leser wird der Interessenkonflikt zwischen Mem und Verwerter aufgefallen sein. Der Verwerter möchte zwar auch viele Kopien der Bithaufen auf die Welt loslassen, diese sollen sich dann aber nicht mehr fortpflanzen können. Im üngünstigsten Fall sind nach drei Jahrzehnten alle physikalischen Behälter eines bestimmten Bithaufens entsprechend des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik verrostet und das entsprechende Mem ausgestorben. Egal wie man zum Mem-Zeugs steht, die meisten Menschen sind sich einig, dass unsere Kultur ein in Bibliotheken und Museen manifestiertes Gedächtnis besitzen muß. Dementsprechend ist die Pflege der populärsten Bithaufen sogar Aufgabe des Staates, des Kulturbeauftragten oder notfalls (wenn sonst keiner zuständig ist) der Gemeinschaft der Raubkopierer.
Den Wettkampf zwischen Kopierschützern und Codebefreiern gibt es bereits seit Jahrzehnten, und deshalb klingen viele der alle angeblich neu in die Diskussion eingebrachten Argumente etwas altbacken. Das einzige, was sich geändert hat, ist die Technik und die Zehnerpotenzen zur Bemessung der Leistung - und nicht zu vergessen: die unermeßliche Fülle an neuen Kopierschutzmechanismen und Verwertungsgesetzen, die zur Zeit am Verbraucher ausprobiert werden.
Momentan werden drei Stategien zur Verhinderung der digitalen Kopie gefahren, der Kopierschutz, das digitale Wasserzeichen und das Digitale Rechtemanagement. Eigentlich hatte ich in diesem Aufsatz vorgehabt, an dieser Stelle eine Übersicht über die Neuigkeiten betreffs Kopierschutz der letzten Monate zu geben. Aus Faulheit werde ich zu jeder der drei Strategien nur ein paar Worte schreiben und den Nachrichtenbezug auf die Kommentare verlagern. Damit dürfte dieser Aufsatz über einen längeren Zeitraum aktualisiert bleiben.
Der Kopierschutz
Ziel des Kopierschutzes ist der Schutz der Daten vor dem Kopieren. Auf Grund der Universalität des Computers beschränkte sich der Kopierschutz bislang eher auf Manipulation der technischen Gerätschaften und Datenträger, manchmal mit ärgerlichen Nebeneffekten. So machen die in die Hardware von Minidisk - oder Datrecordern gegossene Kopierschutzmechanismen es fast unmöglich, eigene Aufnahmen digital zu archivieren. CD-Kopierschutzmethoden basieren auf der Manipulation von Spuren, die eigentlich zur Behebung von Lesefehlern auf einer Standard CD existieren. Ergebnis ist neben der schlechteren Audio-Qualität eine geringere Lebensdauer der CD.
In vielen Fällen besitzen also die vom Kopierschutz befreiten digitale Güter einen höheren Gebrauchswert als die in ein umständliches DRM Korsett geschnürten. Wer sich etwas Mühe gibt, findet im Internet eine Vielzahl weiterer Beispiele für mißglückten Kopierschutz. Das ist wohl auch eine Ursache dafür, dass sich fast alle nicht von den Verwertern finanzierten Publikationen kritisch damit auseinandersetzt. Eine Musikzeitschrift mit jugendlichen Leserkreis wird sich also hüten, etwas Positives über den Kopierschutz zu schreiben. Möglicherweise leben aber einige Musikzeitschriften in einer Kopierschutzwelt ganz gut in der CD-Kaufwillige mangels Möglichkeit des Testhörens auf geschriebene Plattenkritiken angewiesen sind.
Digitale Wasserzeichen
Bislang wurde davon ausgegangen, das der persönliche Computer universell ist, also abgesehen von der Endlichkeit des Speichers, jedes andere Berechnungsmodell simulieren kann. Es gibt einige moderne Ideen, diese Universalität auszuhebeln, indem Kopierschutzmechanismen direkt in der Hardware verankert werden. Als aktuelle Idee sei auf Microsofts und Intels Palladium verwiesen.
Ob das Ganze ausgereift ist und ob sich der Nutzer freiwillig ein Kuckuksei in seinem Rechner installieren läßt, wird man wohl in den nächsten fünf Jahren erfahren. Notfalls kann man die Herstellung oder Benutzung von Hardware ohne Kopierschutz verbieten. Darüber wird allen Ernstes öffentlich diskutiert.
Das Strafgesetz
Vor kurzem machte die Nachricht die Runde, dass sich die häufigsten CD-Kopierschutzmechanismen problemlos mittels eines Folienstiftes aushebeln lassen. Das gruselige an der DRM-Ideologie besteht also nicht in den mit der Zeit sicher besser werdenden Versuchen der Behinderung der digitalen Kopie sondern in der Überbeanspruchung der Gerichtsbarkeit. Bereits heute ist nämlich das Ausplaudern solcher Geheimnisse eigentlich strafbar. Die wenigen Fälle, bei denen die entsprechenden Gesetzte bereits angewendet wurden, künden von der Gefahr des Hineinwachsens in eine dunkle Zeit. Außerdem stellen sich damit die großen Verwerter als Feiglinge dar, die immer, wenn irgendetwas nicht klappt nach dem Staat rufen, um gefälligst die DMCA-Verbrecher zu bestrafen. Dabei galten gerade die großen Verwerter als Verfechter der totalen Neoliberalisierung.
Das DMCA (Digital Millennium Copyright Act) ist ein vor wenigen Jahren vom US-Senat verabschiedetes Gesetzeswerk, das demnächst eine europäische Entsprechung bekommen wird. Verboten ist dann z.B. das Umgehen von Kopierschutzmechanismen für den persönlichen Gebrauch. Umstritten ist noch, wie mit Veröffentlichungen von Verfahren zum Umgehen des Kopierschutzes zu verfahren ist. Immerhin würde ein Verbot Auswirkungen auf die Forschungsarbeit (und damit auf die Evolution der Kopierschutzverfahren) haben. Weiterhin läßt sich das DMCA prima gegen Kritiker und zum Führen von Wirtschaftsschlachten verwenden. So haben z.B. kürzlich einige Einzelhandelsunternehmen die Veröffentlichung ihrer Produktpreise als Verletzung des DMCA angemeckert.
Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass das Bestreben der Bits und Bytes nach natürlicher Fortpflanzung einigen Spieleprogrammieren und Musikvertreibern sehr wohl existenzielle Probleme bereitet. Während es um die Musikverwerter nicht sehr schade ist, täte es mir um die Spieleprogrammierer leid, denn in meiner langweiligen 80er Jahre Jugend hatten die Spieleprogrammierer für mich eine Vorbildfunktion.Da sich in der Evolution stets die einfachsten und störanfälligsten Konstruktionen durchgesetzt haben, ist es gut möglich, dass viele Visionen der Verwerter an der Masse der dummen oder faulen Nutzer scheitern, die dann z.B. die DRM-Updates nicht zu laufen bekommen. Eventuell ist es gar nicht so schlimm, wenn ein Teil der Musikindustrie dann den bereits vom 1. FCM beschrittenen Weg geht.